Biografie
Tamikrest — der Knotenpunkt, das Bündnis, die Zukunft
Januar 2008. Sechs Autostunden von der sagenumwobenen Wüstenstadt Timbuktu entfernt, inmitten der Sahara: Ich begleite die Band Dirtmusic, die zu einem Auftritt beim legendären "Festival au desert" eingeladen ist. Wir schlafen, wie alle Besucher und Musiker, in einfachen Zelten. Beim Aufwachen hören wir vom Nachbarzelt Gitarren, Trommeln und das transzendente "Bli-bli-bli..." weiblicher Stimmen. Die Mitglieder von Dirtmusic greifen zu den Gitarren und gesellen sich zu den jungen Musikern. Drei Tage dauern die psychedelischen Jams, gekrönt von einem gemeinsamen Auftritt auf der Hauptbühne des Festivals.
Hier begann eine wunderbare Freundschaft und die außergewöhnliche Karriere von Tamikrest.
Ein Jahr später, im Januar 2009, nehmen Dirtmusic und Tamikrest ein gemeinsames Album auf; BKO.
Im Juli 2009 folgt das Debutalbum von Tamikrest; Adagh.
Eine vielumjubelte Europatour führt sie 2010 durch zwölf europäische Länder. Im Oktober 2010 nehmen sie das Folgealbum Toumastin auf.
Wer ist diese Band, von der der englische Journalist und ehemalige Manager sowie Biograf der Band Tinariwen, Andy Morgan, sagt, sie seien "definitiv die Zukunft der Tuareg-Musik"?
Die jungen Männer und Frauen stammen aus Kidal, Mali, und besuchten gemeinsam eine Schule in Tinzaouweten. Ihre Kindheit und Jugend ist vom Krieg geprägt. Viele verloren Familienmitglieder und Freunde während des Tuareg-Aufstandes 1990—1995.
Tamikrest entschieden sich, Gitarren statt Kalashnikows in die Hand zu nehmen — und eine Verbesserung herbeizuführen, indem sie der Welt mit Musik von ihrem Schicksal und ihrer verzweifelten Lage erzählen.
In den Texten geht es um die Situation der Tuareg, Jugend ohne Zukunft und verlorene Kultur — aber auch um Liebe: zu den unendlichen Weiten der Sahara und zum Leben.
Spielten sie in ihrer Jugend meist die traditionellen Sounds der Kel Tamashek (wie sie sich selbst bezeichnen) oder die revolutionären Songs von Tinariwen, so kamen durch Kassettenspieler und später durch Internet und MP3-Kultur westliche Musikrichtungen dazu. Bob Marley, Mark Knopfler, Pink Floyd, Jimi Hendrix wurden zu ihren westlichen musikalischen Helden und haben ihre eigenen Songs und Sounds beeinflußt.
Auf ihrem neuesten Album Toumastin sind diese Einflüsse zu einem vollkommen neuen Musikstil verschmolzen. Traditionelle hypnotische Trommeln werden begleitet von psychodelischen elektrischen Wah-Wah-Gitarren, gebetsmühlenhaft vorgetragene Chorgesänge umschmeicheln zusammen mit Keyboardklängen oder einer Violine ihren sehnsuchtsvollen Tuareg-Blues.
Tamikrest sind Kämpfer für eine bessere Welt. Sie sind Botschafter der Tuareg-Kultur und fest verwurzelt in ihrer Tradition. Chris Eckman, Musiker und Produzent, sagt treffend "Wo auch immer sie sind, sie tragen die Wüste mit sich".
Tamikrest — auf Deutsch: der Knotenpunkt, das Bündnis, die Zukunft — sind mit ihrem sanften, freundschaftlichem und offenen Wesen ein Vorbild für jedes Streben nach Frieden und Freiheit, eine Bereicherung für interkontinentalen Kulturaustausch.
Respektieren wir ihre Kultur, helfen wir dem Volk der Tuareg, ihre Identität und Tradition zu bewahren und weiterzuentwickeln oder, einfach gesagt: zu existieren.
In tiefer Freundschaft und Sympathie
Peter Weber
Die Botschaft von Tamikrest
An die jungen Tuareg:
Wir müssen erkennen, dass wir zu einer Gemeinschaft und zu einer Kultur gehören, und dass diese Kultur unsere Stärke in den Augen der Anderen ist.
Die jungen Tuareg müssen sich für ihr Land — die "Azawad" — engagieren; für ihre Städte, für ihre Dörfer und ihre Lagerplätze. Die Entwicklung dieser Gebiete und dieser Siedlungen ist eine individuelle wie auch kollektive Aufgabe. Niemand wird an der Erhaltung unseres Landes arbeiten, wenn wir es selbst nicht tun. Zum Beweis seht euch an, was die Nationalstaaten seit 50 Jahren mit uns gemacht haben, seht euch unsere Lebensbedingungen an und den Zustand der Verwahrlosung, in dem unser Volk und unser Land sich befinden. Jedes Herz, das unser Volk liebt, wird diese Situation zerreißen.
Wir alle haben eine Pflicht uns selbst gegenüber. Diese Pflicht ist, unsere Kultur und unsere Identität zu bewahren, unsere Grundrechte auf einer regionalen wie auch auf einer internationalen Ebene unaufhörlich einzufordern, und unser Recht auf Selbstbestimmung, ohne welches es schwer ist, die Probleme, mit denen wir konfrontiert werden, zu lösen, geltend zu machen.
Die jungen Tuareg dürfen gegenüber der Tatsache, dass wir Fremde im eigenen Land geworden sind, nicht gleichgültig bleiben. Unsere Städte werden einer Bevölkerungspolitik unterworfen, die uns langsam, aber sicher tötet. Der Verkauf unseres Landes an multinationale Konzerne ohne unsere Zustimmung ist eine Form der Enteignung. Ein Volk ohne Land wie das unsere, das bisher immer Raum und Freiheit genossen hat, wird zwangsläufig unter diese Enteignung leiden — auf ewig.
An die Welt:
Die Völkergemeinschaft darf angesichts der möglichen Auslöschung des Volkes der Tuareg, die ein immenser Verlust für die ganze Menschheit wäre, nicht untätig bleiben. Die Welt schaut zu, wie die Tuareg leiden, aber nur wenige Stimmen erheben sich, nur wenige Menschen hören diesem Volk zu, welches sich seit einem halben Jahrhundert innerlich verzehrt. Die Nationalstaaten verfolgen eine Politik der Balkanisierung unseres Landes sowie der Diskriminierung, mit dem Ziel, um uns verschwinden zu lassen — davon zeugen die Lebensbedingungen der Menschen in der Sahara, die ärmer denn je sind.
Die Welt soll lernen, das Herz der Tuareg zu hören, und uns helfen, unsere Vision zu verwirklichen, die keine andere ist als diese: "Wir verlangen, dass alle Ungerechtigkeiten, die wir erleiden, sofort aufhören; dass das, was uns gehört, uns zurückgegeben wird — sprich: unser Land und die Macht, über unser eigenes Schicksal zu entscheiden. Die Tuareg wollen in ihrem eigenen Land in Freiheit leben und der Kolonisierung, die seit über 50 Jahren herrscht und nicht andauern darf, ein Ende bereiten."
